Wolfskinder

 

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Kinofilm

 

Plakat Wolfskinder


Der Film Wolfskinder von Rick Ostermann feierte im August 2013 auf den internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Weltpremiere. 2014 wurde er unter anderem mit dem Friedenspreis des deutschen Films ausgezeichnet und lief fast zwei Monate lang in den deutschen Kinos. Seit März 2015 gibt es ihn als DVD im freien Handel.
          
Der Wolfskinder-Geschichtsverein bietet hier eine kritische Zusammenstellung von Presse-, Online- und TV-Beiträgen, die sich mit dem FIlm auseinandersetzen. Gleichzeitig möchte der Verein alle Interessierten dazu auffordern, sich den Film selbst anzuschauen. – Die starke Leistung der jungen Darsteller, eindrückliche Landschaftsaufnahmen und die erste cineastische Beschäftigung mit diesem Thema überhaupt bieten auf jeden Fall anderthalb spannende und diskussionsanregende Stunden.
      

Fragen zum historischen Geschehen beantworten wir unter: info@wolfskinder-geschichtsverein.de

 

Der Film im Unterricht:


Allgemeines zum Film

 Porträt des beruflichen Werdegangs Rick Ostermanns. Unter anderem geht es um die Motive, die ihn veranlasst haben, sich mit der Geschichte der Wolfskinder künstlerisch auseinanderzusetzen. 

Interview mit dem Regisseur über stilistische Herangehensweisen und tagespolitisch aktuelle Bezüge seines Films.

Laudatio, Gruß- und Dankesworte sowie Fotos von der Preisverleihung.

Ostermanns Film als Anlass nehmend, verfolgt dieser Hörbeitrag die interessante Frage, wie sich frühere Wolfskinder eigentlich selbst an ihre Vergangenheit erinnern. Der Autorin gelingt in gut vier Minuten das eindrucksvolle Kurzporträt eines ehemaligen Wolfskinds, das heute in Nordrhein-Westfalen lebt. Auch die Nachzeichnung der historischen Zusammenhänge geschieht auf fundierte und prägnante Weise.

 

Kritiken

Der renommierte Filmkritiker Hans-Ulrich Pönack hebt auf Deutschlandradio Kultur hervor, dass der Film „krass und sehr deutlich auf historisch belegte Fakten und schlimme Zustände“ blickt. Die „innere Wirkung“ des Films ist, so Pönack, „immens“.

Der Deutschlandfunk attestiert Ostermann „Ein starkes Debüt, dessen verstörende Intensität noch lange nachwirkt.“ Die aus diesem Fazit resultierende Bewertung des Films: herausragend.

Dieser Beitrag merkt an, dass der Film „einerseits nach Ästhetik, Allgemeingültigkeit und Symbolkraft“ strebt, andererseits aber auch Authentizität beansprucht. „Vielleicht wäre Fragen und Festhalten erst einmal vor Fiktionalisieren gegangen“, so das Fazit der Frankfurter Rundschau mit besonderem Blick auf die heute noch lebenden Wolfskinder.  

Der Welt erscheint maßgebend, dass Rick Ostermann in seinem Spielfilmdebüt konsequent die Perspektive der Kinder einnimmt. „Statt durch den Schleier der Geschichte zu blicken, vergegenwärtigt er diese Erfahrungen ganz unmittelbar und direkt, mit einer ergreifenden Authentizität, die keineswegs selbstverständlich ist, für solche Erzählungen aus Kriegs- und Nachkriegszeiten.“ 

Die Berliner Morgenpost erkennt in Ostermanns Wolfskindern einen intensiven Film, der „nicht auf großes Gefühlskino setzt und kitschige Musik über die Bilder gießt“, sondern „konsequent eine radikale Reduktion“ betreibt, minutenlang ohne Worte auskommt und die Blicke sprechen lässt.  



Häufige Rezeptionsprobleme und ahistorische Deutungsversuche

Die Zahl der in Litauen bettelnden deutschen Kinder und Jugendlichen lag zwischen 20.000 und 25.000. Die hingegen in diesem Beitrag (und weiteren anderen Artikeln oft) genannte Zahl von 5.000 lässt sich nachweislich auf den Kreis der anhanglosen ostpreußischen Kinder zurückführen, die zwischen Oktober 1947 und Oktober 1948 in die sowjetische Besatzungszone transportiert worden sind. Die meisten von ebendiesen 5.000 Kindern hatten zuvor im Königsberger Gebiet in sowjetischen Waisenhäusern gelebt, waren nie in Litauen unterwegs gewesen und können daher nicht den Wolfskindern zugerechnet werden.

Außerdem tauchen „marodierende deutsche Verlierertruppen“ weder in Ostermanns Film auf noch hat es sie nach Kriegsende in Ostpreußen gegeben. Für die Herausbildung eines solchen Phänomens war die deutsche Niederlage schlicht und einfach zu total und umfassend.

 

Diese Rezension erkennt, dass Ostermann den Überlebenskampf der Wolfskinder unter der Prämisse von Überzeitlichkeit fokussiert. Gleichwohl zieht sie aus zugespitzten Sequenzen, in denen der Regisseur typischen Erfahrungsräumen der Wolfskinder wie Gewalt und Entwurzelung nahezukommen versucht, verzerrte Rückschlüsse auf das historische Ereignisgeschehen.

So verbietet es sich beispielsweise, noch für das Jahr 1946 generalisierend festzustellen, dass die Rote Armee „erbarmungslos Jagd auf deutsche Kinder macht[e] und diese aus Spaß tötet[e].“ Ebenfalls verkennt der Rezensent, dass Ostermann die Wolfskinder-Erlebnisse zur Schaffung eines spannenderen Plots größtenteils zur Gruppenerfahrung umgeschrieben hat, obgleich die Formel für ein Überleben in Litauen in der frühzeitigen Trennung von Schicksalsgefährten lag und daher von keinen Gemeinschafts-, sondern von Einsamkeitserfahrungen dominiert wurde.

 

„Deutsche als reine Weltkriegsopfer“ zu sehen, gelingt nur mit einem „zwielichtigen Beigeschmack“. Diese Aussage enthält zweifelsohne Diskussionspotenzial, erlangt in dieser Rezension jedoch keine Tiefgründigkeit. Zum einen geht sie mit historischen Fehldeutungen einher (Wolfskinder-Existenzen waren beispielsweise nicht das Ergebnis sowjetischer Rache, sondern eher ein ‚Kollateralschaden‘ bei der Umgestaltung des nördlichen Ostpreußens zur Oblast Kaliningrad). Zum anderen wirkt sie in Bezugnahme auf die Wolfskinder generell fehlplatziert, da diese aufgrund ihrer Geburtsjahrgänge die Unterstellung einer möglichen Mittäterschaft oder Begünstigung nationalsozialistischer Verbrechen nicht einmal ansatzweise zulassen.               

 

Auch hier wird die Frage aufgeworfen, ob tatsächlich Geschehenes künstlerisch thematisiert werden darf, wenn es sich nicht auf Anhieb in bereits existierende Täter- und Opfererzählungen verorten lässt. Der Rezensent verneint dies polemisch. Ostermanns Wolfskinder versteht er „als protestantisches Actiondrama, als Stoff zum Schlechtfühlen und sich darin suhlen.“ Ahistorisch erscheint die Rezension spätestens an dem Punkt, an dem die Bedeutung des expliziten Namens- und Sprachenerbes als eines der entscheidenden Identitätsmerkmale von Wolfskindern negiert wird.


Der Rezensent unterstellt dem Film einen revisionistischen Blick auf die Geschichte und verkennt dabei, dass der Sowjetisierungsprozess des nördlichen Ostpreußens (in dessen Zuge die Wolfskinder-Existenzen ab 1946/47 entstanden) die Folge einer vom Kampf gegen den Faschismus längst wieder losgelösten und fortgesetzten sowjetischen Expansionspolitik war.

Ebenfalls bemerkenswert: Die katholische Filmkommission erwähnt mit keinem Wort, dass die tiefreligiöse katholische Bevölkerung in Litauen trotz Zwangskollektivierung und drohender Sibirien-Deportation der eigenen Familien Zehntausende Deutsche vor dem Hungertod bewahrt hat.


Diese Rezension steht exemplarisch für einen Erinnerungsdiskurs, der den Wolfskindern die ‚Filmwürdigkeit‘ ihres Schicksals aufgrund ihrer deutschen Herkunft von Vornherein abzusprechen versucht. Fernab jeder Sachlichkeit und historischen Differenzierung werden hier Kriegsopfer und Nachkriegsopfer gegeneinander aufgerechnet. Das für Ostmitteleuropa typische Ineinandergreifen der systeminhärenten nazideutschen und sowjetischen Gewaltpotenziale wird ausgeblendet. Die eigentlichen Erfahrungen der Wolfskinder werden ins Lächerliche und Bedeutungslose gezogen.

 

 

zusammengestellt von Christopher Spatz, Stand: 13.12.2015